1998-02 Cyborgs unter uns

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Cyborgs unter uns. In: NZZ FOLIO, Februar 1998, S. 28-34.

 

Gundolf S. Freyermuth

Cyborgs unter uns

Wearables, PCs, die sich am Körper tragen lassen, mixen die Alltagswelt mit dem Datenraum. Und Softwear-Prototypen, Kleidungs-Computer, wollen die Menschheit dauerhaft mit ihren Maschinen vernetzen. In den Laboren aber werkelt man längst an der nächsten Stufe: PC-Implantaten.

Der erste Cyborg, der mir im Alltag begegnete, war eine Sie, eine T-Shirt-Turnschuh-Schönheit Mitte Zwanzig mit langen, blonden Haaren, einem Pentium-Prozessor, Funkmodem, Handscanner und Thermo-Drucker. Auf dem Kopf trug sie eine Baseballkappe verkehrtherum, und um ihre Lippen schwebte ein Mikrophon, kaum größer als ein Leberfleck. Die goldene Haut ihrer muskulösen Oberarme und durchtrainierten Schenkel wie auch der harte mitteleuropäische Akzent, mit dem sie sprach – mal zu mir, mal zu der unsichtbaren Zentrale –, gemahnten von Ferne an Schwarzeneggers Terminator.

Wir standen, es ist bald ein Jahr her, auf einer drückend heißen Betonfläche bei LAX, dem internationalen Flughafen von Los Angeles. Über uns donnerten die Jets zum Greifen nahe, und hoch darüber brannte die Sommersonne Löcher durch die gelben Smogwolken. Die Seriennummer des Mietwagens, den ich zurückgeben wollte, hatte meine vollautomatisierte Kundendienstlerin bereits gescannt, nun tippte sie Meilen- und Benzinstand in ihren Gürtelcomputer ein. Das Funkmodem übermittelte die Daten dem Zentralrechner.

„Bald werden die Wagen hoffentlich intelligentere Bordcomputer haben, in die wir uns direkt einstöpseln können“, meinte Katja, während wir darauf warteten, dass die Endabrechnung aus dem Drucker an ihrer Hüfte quoll. Das Cyborg-Mädchen stammte aus Ungarn. An den Pazifik hatte sie das Surfen gelockt, der Teilzeitjob als Mietwagen-Hostess finanzierte den sonnigen Lebensstil.

Was aber, fragte ich, wenn die Autos so intelligent werden, dass sie selbst per Funkmodem alle notwendigen Daten übermitteln können? Technisch sei das schon heute kein Problem, meinte Katja ohne Illusionen, lediglich eine Kostenfrage: „Noch bin ich billiger.“ Der Gedanke, überflüssig zu werden, schrecke sie aber nicht. „Die wearables“, sagte sie und fuhr mit einer stolzen Geste über ihre Ausstattung, als stünde sie mit einem neuen Abendkleid vorm Spiegel, „machen aus jedem einen Experten für alles.“

Die amerikanische Luftwaffe nennt das on the job training. Wie Armee und Marine hat sie Wartungspersonal und Soldaten mit Körper-Computern ausgestattet. Die bestehen meist aus einer RAM-starken Pentium-CPU, die zusammen mit den Batterien am Gürtel, im Schulterhalfter oder am Bein getragen wird, sowie einem Helm samt Mikrophon, Lautsprechern, durchsichtigem Datenvisier oder einem einäugigen Active-Matrix-Display von ein bis vier Zentimetern Größe. Dazu gehören Lesegeräte für CD-Roms oder Speicherkarten, ein Sender für den Sprechfunk sowie ein Funkmodem für die Datenverbindung. Gesteuert werden die Körper-Computer über winzige Arm-Tastaturen oder schlichte Sprachbefehle.

Für den Wartungsdienst am wichtigsten ist die Erzeugung von augmented reality, einer aufgebesserten Realität, in der Wirklichkeit mit dem virtuellen Reich der Daten verschmilzt. Das erlaubt den Mechanikern, Maschinen zu reparieren, die sie im Leben nicht gesehen haben: indem sie sich deren Anleitungen im Wortsinne vor Augen rufen, auf den Schirm ihres Datenhelms. Der Computer führt sie dann Schritt für Schritt durch den Reparaturprozess, dabei den Reale-Welt-Anblick der Maschinen mit den Projektionen hilfreicher Diagramme überlagernd.

Doch nicht nur in der Etappe kommen die ein bis drei Kilo schweren Körper-Computer zum Einsatz. In Bosnien etwa dienen sie den US-Soldaten bei der Minenräumung zur Kommunikation mit den Einheimischen: Was die GIs sagen, übersetzen ihre wearables live ins Serbokroatische und verkünden es der verblüfften Landbevölkerung per akzentfreier Robotstimme aus Lautsprechern, die in die Kampfanzüge eingearbeitet sind.

Die Cyborg-Soldaten nämlich benutzen ihre Bord-Computer auch im Ernstfall. 750 Millionen Dollar hat die US-Armee bereits für die Aufstellung einer Hightech-Eingreiftruppe ausgegeben, eine weitere Milliarde wurde gerade für Army 21, die Armee des 21. Jahrhunderts bewilligt. Wearables sollen dabei vor allem Kommunikation und Aufklärung erleichtern: Cyborg-Krieger stehen in ständigem Kontakt mit ihren Mitkämpfern und fernen Kommandeuren, und sie sind auch mit den Zentralcomputern der Armee vernetzt und können sich so nötige Informationen auf die Schirme ihrer Datenhelme holen, von Spionage- und Wetterberichten über Orientierungshilfen des Global Positioning Systems (GPS) bis zu Echtzeit-Bildern, die Aufklärungshubschrauber oder Satelliten von unübersichtlichem Gelände oder Feindbewegungen liefern.

Das Militär war, dank seiner gewaltigen Forschungsetats, Vorreiter im Trend zu wearables. Inzwischen allerdings stehen Hunderttausende solcher Umschnall-Computer mit und ohne Datenhelm auch im zivilen Einsatz: in Produktion und Service, bei Polizei und anderen Notdiensten.

  • Arzneimittelhersteller wie Betreiber von Hühnerfarmen, haben ihre Arbeiter mit Körper-Computern ausgestattet und damit den aufwendigen Prozess von Lagerhaltung, Auslieferung, Nachbestellung und Abrechnung vom Papierkrieg befreit.
  • Hightech-Hersteller, darunter Boeing, produzieren die Anleitungen für Reparatur und Wartung ihrer Produkte nicht mehr auf Papier, sondern in Hyper-Formaten auf CD-Roms und Speicherkarten für wearables. Finanziert von der Defense Advanced Research Group (DARPA) des Pentagon, die einst das Internet aufbauen ließ, hat Boeing nun auch ein eigenes wearable-System namens MARSS entwickelt.
  • Die Fahrer privater Expressdienste scannen Sendungen nach Erhalt ein und funken die Daten zum Zentralcomputer, so dass zum Beispiel die Kunden von UPS und Federal Express bereits Minuten nach Abholung den weiteren Weg ihrer Sendungen via Internet verfolgen können.
  • Wachpersonal orientiert sich beim nächtlichen Rundgang oder im Alarmfall anhand der Bilder von stationären Videokameras, die direkt auf die Helm-Schirme umgeleitet werden.
  • Ärzte greifen während der Visite auf Patientendaten im Klinikcomputer zurück und können sie mittels Arm-Tastatur oder Handschrifterkennungs-Programm gleich aktualisieren. In Pilotversuchen statten US-Großkliniken inzwischen auch Patienten mit Armband-Computern aus, die von den wearables der behandelnden Ärzte gelesen und ergänzt werden. Die Zahl von Verwechslungen, Falsch-Medikationen und anderen Kunstfehlern hat sich so drastisch reduzieren lassen.

Das alles scheint auf den ersten Blick praktisch, es spart Zeit und Geld, erhöht die Sicherheit. Doch wearables sind, nicht zuletzt in den Augen ihrer Erfinder, mehr als ein beliebiges Mittel zur Steigerung von Effizienz. Sie stellen einen kulturgeschichtlichen Meilenstein dar, einen entscheidenden Entwicklungssprung zur Integration von Mensch und Maschine, zur entwickelten Cyborg-Zivilisation, wie sie von den Hightech-Pionieren angestrebt wird.

Den Begriff selbst prägte 1960 der Luftfahrtingenieur Manfred Clynes. Mit Cyborg – der Kurzform von cybernetic organism, kybernetischer Organismus – wollte er das Einswerden von Pilot und Fluggerät beschreiben; natürlich nicht in physischer, sondern in funktionaler Hinsicht. Genauso eben, wie Menschen und wearables eine Arbeits-Einheit bilden.

Marshall McLuhan nahm den Begriff auf und prophezeite, dass die Potenzierung der körperlichen und intellektuellen Möglichkeiten durch moderne Technologie nicht nur Einzelne beeinflussen, sondern Stück für Stück die Gesellschaft cyborgisieren werde. Die eskalierende Verschmelzung des Homo sapiens mit seinen – digitalen – Werkzeugen gab ihm recht.

Denn längst sind wir von unseren Computern so abhängig wie unsere agrarischen Vorfahren einst von ihren Nutz- und Haustieren. Die Cyborgisierung ist in den Augen vieler Wissenschaftler daher das Schlüsselereignis der Epoche. „Wir sind alle Chimären, theoretisierte und fabrizierte Hybriden aus Maschinen und Organismen; kurz, wir sind Cyborgs”, schreibt Donna Haraway, Begründerin der Cyborg-Anthropologie.

Der Wissenschaftshistoriker David Hess nennt die Gegenwart ein „Proto-Cyborg-Zeitalter.” Sherry Turkle, Soziologin am Massachusetts Institute of Technology (MIT), behauptet: „Wir lernen, uns selbst als eingestöpselte Techno-Körper zu erkennen … Wir träumen alle Cyborg-Träume.” Und Nicholas Negroponte, Leiter des MIT-Media Lab und Autor des Kult-Buchs Being Digital, stellte gar 1995 lapidar fest: „Die Cyborgs sind schon hier!”

Was er keineswegs metaphorisch meinte – Negroponte sprach von einigen seiner Studenten, berühmt-berüchtigten Pionieren des wearable computer. Dessen wissenschaftliche Geschichte beginnt Anfang der neunziger Jahre, als die elektronischen Komponenten klein, billig und leistungsfähig genug wurden.

Ein Zentrum der Forschung ist bis heute die Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh, die seit 1991 mehrere Generatioen des VuMan entwickelte, dem Prototyp eines Kraftwagen-Wartungs-wearable, der bei Praxisversuchen die Inspektionszeit um die Hälfte verringerte. Zu den privaten Forschungsinstituten, die intensiv an „tragbarer Technologie” arbeiten, gehören das IBM Almaden Research Center und das von Microsoft-Milliardär Paul Allen mit 100 Millionen Dollar finanzierte Interval Research Laboratorium.

Am radikalsten und innovativsten jedoch betreibt man seit Jahr und Tag die Integration von Mensch und Computer am Media Lab – nicht zuletzt mit dem Spenden-Etat von jährlich fünf Millionen Dollar, den Negroponte interessierten Konzernen wie Disney, Nike und Microsoft für das Forschungsprojekt „Things That Think” abgeluchst hat. Zu diesen denkenden Dingen zählt wesentlich wearable technology: Dinge, die sich wie Kleidung und Schmuck am Körper tragen lassen.

„Wie kann man Audio-Kommunikation besser empfangen als durch einen Ohrring oder wie fernmündliche Mitteilungen besser senden als durch ein Revers?” fragt Professor Negroponte: „Schmuck, der blind, taub und dumm ist, ist sein Geld nicht wert.”

Geht es nach ihm, wird in Zukunft jede Brille oder Kontaktlinse Daten empfangen können – Satelliten-TV oder E-Mail aus dem Internet. Den Strom für die anziehbaren Minicomputer, Modems und Funktelefone sollen Stoffe auf Polymerbasis liefern, die wie Solarzellen Licht in Energie umwandeln können. Und als Stauraum für die zentrale Prozessoreinheit, meint er, komme vor allem unsere Fußbekleidung in Betracht.

„Schuhe haben viel ungenutzten Platz, produzieren viel Energie beim Laufen, die bislang nicht genutzt wird, und sie sind ideal, um zwischen dem Körper und dem Boden eine Kommunikationsverbindung herzustellen”, sagt Negroponte: „Wenn man nach Hause kommt, können sie, noch bevor man seinen Mantel auszieht, mit dem Teppich reden und die Lieferung personalisierter Tagesnachrichten direkt an die Brille vorbereiten.”

Den ersten Prototypen der smarten Sneakers hat man am MIT in Zusammenarbeit mit dem Sponsor Nike bereits gebaut: In einer Aluminiumbox, die rund 12 mal 9 Zentimeter groß und 4 cm dick ist, stecken eine CPU und zwei kleine Sender. Das flache Behältnis wird wie eine gewaltige Einlagesohle in den Schuh geschoben.

So verrückt das in den unvernetzten Ohren des Normalbürgers klingen mag, die meisten Fachleute hegen sehr ähnliche Hoffnungen. „Das komplette Konzept eines Computers wird sich ändern”, meinte schon 1991 Dan Harden, Vizepräsident von Frogdesign in Menlo Park, der Firma, die den Apple Macintosh-Würfel und Steve Jobs’ Next-Kubus entwarf: „Wir werden ihn vollständig in unsere Lebensweise integrieren. Warum sollen wir ihn also nicht am Körper tragen?” Derweil zweifelt kaum jemand in der Hightech-Industrie noch daran, dass ein solcher Paradigmenwechsel bevorsteht.

Heutige PCs nämlich sind alles andere als Personal Computers, sie sind bestenfalls Portable Computers. Die meisten stehen auf Schreibtischen und verlangen, dass ihre Benutzer sich anbetungsvoll vor ihnen positionieren. Und selbst in ihrer Inkarnation als Laptops bleiben sie eher backsteinschwere Schlepptops. Um endlich von einem Arbeitsgerät zu einem ganz normalen Element des Alltags zu werden, zum universellem „Lebensmittel” jenes neuen Web-Lifestyles, von dem wearable-Fan Bill Gates nicht müde wird zu schwärmen, müssen die digitalen Geräte jedoch immer um uns sein.

Ob Microsoft, IBM oder Compaq – alle versuchen sie daher gegenwärtig, Fernseher und Autos, Telefone und Pager in vernetzte Computer zu verwandeln. Vor allem der Markt tragbarer Gadgets explodiert – von High-Tech-Armbanduhren wie der Timex-Datalink-Watch mit 1-Kilobyte-Speicher, die allein im ersten Jahr 100 000 mal verkauft wurde, über „intelligente” Pager und Winz-Funktelefone wie Motorolas StarTac, über Walkmen, CD-Player, Taschenübersetzer, chipbestückte Kredit- und Identifikationskarten, etwa für Garagen- und Büroeingänge, bis zu Internet-fähigen Kleincomputern, „Digitalen Assistenten” wie Psion, Newton oder dem PalmPilot, der binnen 18 Monaten über eine Million Käufer fand.

Eine Vielzahl digitaler Maschinen rückt uns so immer dichter auf den Leib, und wer die Geräte liebt oder beruflich auf solche Kommunikations- und Arbeitsmittel angewiesen ist, führt heute das beladene Dasein eines Hightech-Packesels. „Wir sollten im Sattel sitzen, nicht unter ihm”, klagt Negroponte und formuliert die Sehnsucht vieler Leidensgenossen nach Kleidungs-Computerei, die endlich all die Elektronik mühelos „tragbar” macht.

Dass dergleichen Erleichterung heute nicht mehr – wie noch vor einem Jahrzehnt – als phantastische Utopie erscheint, sondern als vielversprechender Zukunftsmarkt, wie das Fachblatt CMP jüngst schrieb, ist wesentlich das Verdienst der wohl bekanntesten Pioniere der wearables, der MIT-Studenten Steve Mann und Thad Starner. Mann ist inzwischen promoviert und zum Dozenten avanciert, aber noch immer proben beide tagtäglich mittels ihrer selbstgebauten 3000-Dollar-Avantgarde-Ausrüstung die Etablierung symbiotischer Arbeitsbeziehungen zwischen Mensch und Maschinen. Mit ein paar Tastaturbefehlen senden sie, während sie über den Campus schlendern oder im Supermarkt einkaufen, E-mail um die ganze Welt oder rufen die Memos von Diskussionen auf, die sie mit ihren jeweiligen Gesprächspartnern vor Jahren geführt haben. Sie erkunden Adressen und Telefonnummern, informieren sich über Fahrpläne und das politische Geschehen.

Für den normalen Angestellten- oder gar Freizeit-Alltag sind real existierende wearables wie diese natürlich noch viel zu klobig. Was es zur Durchsetzung auf dem Massenmarkt bräuchte, ist echte Softwear, modisch-gestylte Computer-Kleidung, die sich gewissermaßen in der Waschmaschine waschen lässt. An ihr, an „washables”, werkeln im Magic Fabric Project weitere MIT-Studenten. Was ihre Experimente mit kommerziell erhältlichen Stoffen und Materialien produzierten – leitende oder mit Sensoren bedruckte Stoffe, gewebte Tastaturen –, wurde vergangenen Herbst während des ersten Softwear-Symposiums am MIT neben den derweil üblichen wearables in einer vielbeachteten Modenschau vorgestellt.

Sind die Denkmaschinen erst einmal vollständig in unsere Kleidung integriert, prophezeien die MIT-Pioniere, werden wir alle über uns selbst hinauswachsen. „Stell dir vor – nie mehr etwas vergessen. Kameras in der Brille, dazu ein Gesichtserkennungs-Programm, und du wirst nie wieder in die peinliche Situation geraten, von jemandem den Namen nicht zu wissen”, sagt der ziegenbärtige Starner. „Oder verbinde dich mit dem Globalen Positionierungssystem und verirre dich nie wieder!”

Eine ganz persönliche Note hat Steve Mann hinzugefügt: smarte underwear. Seine vernetzte Unterhose sammelt intime Daten, über den Hautwiderstand etwa oder die Herzrate, und sorgt so neben der allgemeinen Gesundheitsvorsorge alltäglich für das physische Wohlbefinden ihres Trägers. „Wenn ich zuhause ankomme, ist mir meist warm, schon vom Treppensteigen. Sobald ich ins Bett gehe, stellt meine Unterwäsche also die Heizung ab,” sagt Steve Mann. „Aber nach ein paar Stunden Schlaf, wenn mein Metabolismus runterschaltet, spürt meine Unterwäsche die Veränderungen in Körpertemperatur und Körperspannung und dreht die Heizung hoch.”

Mancher, dem Steve offenbart, was er unter der Hose trägt, neigt zum Lächeln. Dabei handelt es sich beim smarten Slip um eine Idee, die unmittelbaren Anklang bei denen fand, die noch immer die größten Forschungsetats zu vergeben haben – den Militärs. Eric Lind, ein Ingenieur der US-Navy, mit der Versorgung Verwundeter befasst, erkannte: Tragen Kampftruppen vernetzte Sensoren-Unterkleidung, kann die Einsatzleitung sofort feststellen, wer wo wie schwer verwundet wurde – was eine Art Tele-Triage ermöglichen und damit im Kriegsgebiet Leben retten würde, sowohl bei Verwundeten wie Sanitätern.

Wenn die Evolutionsgeschichte vom PC über wearables zu echter Softwear also etwas lehrt, dann das: Nichts ist so verrückt, dass nicht jemand daran arbeitete – mit teilweise verblüffenden Erfolgen. Es gibt heute lasergesteuerte Displaysysteme, die ihre Bilder mit Spitzenauflösungen und hohen Refreshraten direkt auf die Retina des Auges projizieren. Es gibt Batterien aus papierdünnem faltbaren Material. Es gibt vielversprechende Ansätze, Turnschuh-Computer mit einem Teil der 57 Watt Energie zu betreiben, die eine durchschnittliche Person beim Gehen erzeugt. Und es gibt die wasserdichten WetPCs des australischen Institute of Marine Sciences, mit denen man abtauchen kann und deren graphisches Interface durch eine modifizierte Armtastatur gesteuert wird.

Überhaupt die Phantastik der Eingabemöglichkeiten: Neben Stimmerkennungsverfahren, deren Exaktheit vor zwei oder drei Jahren kaum einer für möglich gehalten hätte, funktioniert die Steuerung via finger tracking, bei dem Fingerzeichen die Maus ersetzen. Texte lassen sich zudem mit digital ink eingeben, einer Art intelligentem Füller, entwickelt von Carnegie Mellon. Er speichert zum Heraufladen auf den PC, was einer auf Papier schreibt. Die Bilder dazu werden von digitalen Chip-Kameras eingespielt, nicht größer als ein menschliches Auge. Und dank Programmen wie jenem, das Mark Lucente von IBM bei der letzten Comdex in Las Vegas vorstellte, sind sie auch zur Bedienung eines PCs zu benutzen: Der Computer verfolgt und interpretiert bestimmte Handbewegungen.

Am magischsten sind wohl zweierlei Innovationen. Zum eine das Verfahren, das Neil Gershenfield vom MIT erforscht. Es steuert Computer mittels der Kraftfelder des menschlichen Körpers. Und zum zweiten das PAN, das Personal Area Network, das Thomas G. Zimmermann in IBMs Almaden Research Center entwickelt. Es macht sich die körpereigene Spannung zu nutze, kein Milliardstel Ampere.

„PAN-Geräte”, sagt Zimmermann, „benutzen unseren salzigen, blutgefüllten Körper als feuchten Verbindungsdraht.” Das PAN soll die Peripheriegeräte der Körper-Computer verbinden, den Funktelefon-Ohrring etwa mit der Adressenkartei im Turnschuh-Speicher. Schon heute lassen sich so per Händedruck digitale Visitenkarten von wearable zu wearable austauschen.

Wohin entwickelte Softwear, digitale Vernetzung, die nicht mehr von uns weicht, am Ende die Menschheit führen wird, darüber streiten sich die Experten und mehr noch die, die gar nichts davon verstehen. Die humanste Version allerdings hörte ich vergangenen Sommer ausgerechnet von einem Transhumanisten – von Max More, dem Häuptling der Extropianer, Kaliforniens radikalster Hightech-Fraktion, deren Anhänger lieber heute als morgen vom Homo sapiens zum digital ermächtigten Übermenschen mutieren möchten.

In San Jose, dem heißen Herzen von Silicon Valley, traf man sich zum jährlichen Palaver. Das Thema: die Selbst-Evolutionierung der Menschheit. Zu den Referenten gehörte die Elite der digitalen Intelligenz, darunter Marvin Minksy vom MIT, der „Vater der künstlichen Intelligenz”, und Ralph Merkle, Mit-Erfinder der Public-Key-Kryptographie und Nanologe am legendären Xerox Parc in Palo Alto. Max More, promovierter Philosoph und Propagandist einer neuen, digitalen Aufklärung, sprach über The Augmented Animal – Das verbesserte Tier.

„Allmählich realisieren wir”, sagt er, „dass nicht nur Geisteskranke ihre emotionale Persönlichkeit verändern müssen. Um wirklich posthuman zu werden, haben wir alle in den Griff zu kriegen, wie wir auf verschiedene Situationen reagieren.” Um dieses hehre Ziel zu erreichen, meinte er, bedürften wir Allzumenschlichen der Soft- und Hardware.

Seine Vision: ein persönlicher digitaler Assistent, der seinen Namen verdient, weil er sich um unsere Persönlichkeit verdient macht – ein softwear mood agent, der unsere Stimmungen misst und Korrekturen vorschlägt. „So ein unauffälliger elektronischer Begleiter könnte zum Beispiel durch Biosensoren feststellen, wenn wir unter Stress stehen oder im Begriff sind, die Nerven zu verlieren. Und uns dann warnen.”

„Wie ein Ehepartner”, kommentiert ein Zwischenrufer.

„Tja, wie der Tritt unterm Tisch”, grinste Max More und warf seiner Frau Natasha einen kurzen verliebten Blick zu.

Gemessen an den Phantasien der Ingenieurs-Elite hatte diese Vision des Hightech-Philosophen etwas rührend Menschliches. Die Cyborg-utopischen Vorstellungen des MIT-Projektleiters Neil Gershenfield etwa reichen erheblich weiter. In zehn Jahren, prophezeit er, werden wir alle Softwear tragen. Und in zwanzig werden wir uns die kleinen Helfer in den Körper einbauen lassen.

Warum er allerdings so lange warten will, ist nicht klar. Andrew Singer von Interval Research ließ sich bereits vergangenen Sommer eine „programmierbare Tätowierung” patentieren, einen implantierten Mini-Computer, dessen Schirm durch die schützende Haut hindurch zu lesen ist.

Dieser Artikel findet sich – leicht gekürzt – ebenfalls auf der Website von NZZ FOLIO unter http://www.nzzfolio.ch/www/d80bd71b-b264-4db4-afd0-277884b93470/showarticle/67ee8bee-27c3-41d6-ae66-0acfa18595df.aspx